Ein wirklich gesunder Mensch sei fähig zu lieben und zu arbeiten, soll Freud vor über einem Jahrhundert geschrieben haben und trotzdem ist die Aussage immer noch aktuell. Die Coaching Kunden, die ich letztes Jahr begleitet habe, würde ich auch in zwei Gruppen unterteilen: Menschen, die an persönlichen Themen arbeiten (in Grundzügen, nach Freud: an ihrer „Fähigkeit zu lieben“) oder sich mit beruflichen Fragestellungen beschäftigen („Fähigkeit zu arbeiten“ – mit Freude und Motivation, würde ich dem Zitat hinzufügen), wobei in den meisten Fällen beide Kategorien eng verflochten sind. Die Entdeckung dieser Verflechtungen gehört oft zu den erhellendsten Teilen des Coaching-Prozesses und bildet nicht selten den Wendepunkt – ab hier „fließt“ der Prozess, ab hier wird alles „leichter“, dynamischer, experimenteller. Die Kunden fassen Mut, fordern sich selbst und ihr Umfeld durch neue Entscheidungen und Verhaltensweisen heraus (weil jede Veränderung, auch eine gute, erst einmal ungewohnt ist und Irritationen hervorruft…)
Wenn wir uns einen Veränderungsprozess anschauen, geht es im Grunde immer um eine Veränderung von schädlichen, in irgendeiner Weise leidvollen Verhaltensweisen hin zu sogenannten adaptiven Verhaltensweisen. Eine solche Veränderung wird häufig durch dramatische Lebenserfahrungen ausgelöst. Jaspers spricht in diesem Zusammenhang von „Grenzerfahrungen“, Heidegger von einer „existentiellen Krise“. Auch Irvin D. Yalom bezieht sich auf Heidegger, wenn er schreibt: „Most individuals remain unaware of the structure of their belief system until it fails to serve its purpose, or until, as Heidegger puts it, there is a breakdown in the system“.
Tatsächlich befinden sich viele meiner Kunden zu Anfang der Beratung in einer Grenzsituation oder erleben eine dramatische Veränderung in ihrem „System“. Oft (nicht immer) besteht das Ziel in solchen Prozessen darin, sich vom Opfergefühl zu lösen und zu einem Gefühl von Selbstwirksamkeit zu gelangen. Auf dem Weg zu dieser Veränderung spielen „korrigierende emotionale Erfahrungen“ eine wichtige Rolle, die in einer 1-1 Situation die Beziehung zum Coach betreffen und in einer Gruppensituation die Beziehung zu anderen Mitgliedern der Gruppe miteinschließen.
Distanz zu der eigenen beruflichen und existenziellen Situation zu gewinnen und sie gleichzeitig „nüchtern“ und voller Empathie wahrzunehmen ist eine große Herausforderung, die jedoch Voraussetzung für eine Veränderung ist – zuerst Veränderung der Perspektive, dann des Tuns. Ein wichtiger weiterer Veränderungsfaktor ist die Motivation des Klienten sowie seine/ihre Ehrlichkeit und der Mut, sich schmerzhaften Themen zu stellen und diese zu bearbeiten. Das Wollen ist die halbe Miete (siehe Blogbeitrag zum Thema Commitment), das Vertrauen und Dranbleiben die andere halbe Miete.
In der Gruppenarbeit erkenne ich die bedeutende Rolle, die die zwischen den Gruppenteilnehmern entstehenden Bindungen für die individuelle Veränderung spielen. Die Öffnung und das Gewinnen neuer Perspektive auf die eigene Lebensgeschichte erfolgt oft durch das Feedback einer anderen Person aus der Gruppe, auch hier wirkt die Beziehung – ich würde das die therapeutische Wirkung einer funktionierenden Gemeinschaft oder einer festen therapeutischen Gruppe nennen. Es entsteht eine gemeinsame, gleichberechtigte, partnerschaftliche Ebene, auf der echtes Vertrauen und Akzeptanz oft leichter möglich sind („korrigierende emotionale Erfahrungen“) als in einer Lehrer-Schüler- oder Patient-Arzt-Beziehung.
Respekt, Vertrauen und Augenhöhe in einer Coach-Coachee-Beziehung sind nach meiner Erfahrung die wichtigsten Bestandteile, die den Kunden eine schwerige persönliche Veränderung „erleichtern“ können – dies klingt einfacher als es in der Praxis ist, nicht weil man die Haltung nicht hätte, sondern weil die Themen, je tiefer sie greifen, desto mehr Sensibilität, Erfahrung und Fingerspitzengefühl benötigen. Den Job der Veränderung muss natürlich jeder und jede selbst machen und dies umfasst sehr unterschiedliche Ebenen, die am besten einer zusammen erarbeiteten Struktur folgen – ganz einfach gesagt, nicht alles auf einmal, aber auch nicht zu wenig, die Philosophie der mittleren Schritte würde ich das nennen.
Über weitere Aspekte werde ich hier häufiger berichten. Viele dieser Erkenntnisse darf ich einerseits aus der Praxis und andererseits aus der Ausbildung zur psychotherapautischen Traumaberaterin, die ich dieses Jahr abschließen werde, gewinnen. Es ist eine wunderbare Vertiefung der systemischen Coaching-Ausbildung, die mich zusätzlich zur Arbeit mit Gruppen und Individuen bislang stark geprägt hat. Es wird ein spannendes Jahr!
Bei Fragen, immer gerne
Eure Coachin, Jola
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