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Umgang mit Unsicherheit und Angst - einige Gedanken und Tipps aus der Coachingpraxis

Es wurde viel zu diesem Thema geschrieben, geforscht, erzählt und trotzdem merke ich in meinen Coachings, Gesprächen und Erziehungsversuchen (das Letzte bezieht sich ausdrücklich und ausschließlich auf meine Kinder, nicht auf Coachees 😊) einen immer größeren Bedarf an Strategien im Umgang mit Selbstzweifeln, Unsicherheiten und Ängsten. Mit den großen, existenziellen, bezogen auf die ungewisse Zukunft ebenso wie mit den vermeintlich „kleineren“, alltäglichen Unsicherheiten. Ich schreibe hier ein paar Gedanken auf, die für meine Coachees und mich hilfreich waren, ohne Anspruch auf wissenschaftliche Ergründung oder Vollständigkeit (dazu verweise ich sehr gerne z.B. auf einen sehr guten Podcast von Jule Jankowski mit Gunther Schmidt und prof. Dr. Eva Asselmann).

 

Angst ist in vielen Fällen ein (halbbewusster) Versuch, Kontrolle über eine ungewisse Zukunft zu gewinnen. Das klingt möglicherweise für viele abstrakt, deshalb ein Beispiel: Wenn mein Sohn Angst vor einer Prüfung hat, dann ist das bei ihm zuerst einmal eine Welle an Gedanken, die ihn überschwemmt: in diesen versucht er, jede Frage gedanklich durchzugehen, die bei der Prüfung kommen könnte, das heißt etwas, das er noch nicht kennt, mental vorwegzunehmen und für sich zu ordnen.

Die Angst beginnt in seinem Fall dort, wo er sich vorstellt, dass eine Frage drankommt, auf die er keine Antwort weiß oder für die ihm die Zeit fehlt. Dann scheitert die Struktur, die er auf die Zukunft auferlegen möchte, dann scheitert sein Versuch, die Zukunft zu „zähmen“, nach seinen Bedingungen und Wünschen zu gestalten. 

 

Irgendwann im Prozess wirkt diese Welle an Gedanken dann nicht mehr ordnungsstiftend, sondern überwältigend und löst bei ihm unangenehme Gefühl aus: Angst ersetzt schrittweise Vorbereitung, die Selbstzweifel und Unsicherheit werden stärker als die sonst große Neugier und die pure Lust am Lernen. Das passiert oft  sehr schnell und halb-bewusst, wirkt sich aber dann direkt auf seine Entscheidungsfähigkeit, was nun zu tun ist. Es folgen Orientierungslosigkeit, Missmut, Suche nach Antworten draußen (Mama, KI, wer sonst…?) eher als drinnen… alles bekannt, oder?

 

Einen sehr ähnlichen Prozess beobachte ich auch in vielen meiner Coachings, in denen es beispielsweise darum geht, eine Entscheidung über den nächsten Schritt im Leben zu treffen. Die Coachees erzählen, wie sie zu ihren Entscheidungen kommen oder nicht kommen können und dabei höre ich sehr oft: Zuerst sprechen die individuellen „Ängste“, auch wenn sie in vielen Fällen sehr gut „verkleidet“ rational daherkommen. Die Ängste haben oft den Sprechenden überzogen. Wenn man eine solche angstbeladene Situationen „zerlegt“, lässt sich jedoch ziemlich genau erkennen, an welcher Stelle die Angst einsetzt (oder eher: Überhand nimmt) – und wie schnell und aber auch diskret sie sich ausbreiten kann.

 

Nur haben die meisten von uns Erwachsenen keine Angst mehr vor einer Prüfung, die mehr oder weniger vorhersehbar ist, sondern vor dem Leben selbst, auf das man sich systematisch nie wirklich vorbereiten kann. Die polnische Schriftstellerin Wisława Szymborska hat dazu ein großartiges Gedicht geschrieben. Ein Anfangsvers lautet:

„Nichts kommt zweimal vor
auch wenn es anders schiene
wir kommen untrainiert zur Welt
und sterben ohne Routine.“

(Auf Polnisch klingt es noch ein bisschen poetischer – und improvisierter 😊)

 

Daraus (und aus Erfahrung vieler…) lässt sich ableiten, dass es wahrscheinlich sinnvoller ist, uns genau in dieser existenziellen Unsicherheit zu üben, anstatt oft krampfhaft zu versuchen, ihr zu entfliehen, etwa durch angstbeladenes Ausmalen unterschiedlichster Zukunftsszenarien.

 

Nun bestehen wir natürlich nicht nur aus Logik und solchen theoretisch „folgerichtigen“ Ableitungen. Ängste und das gedankliche Durchspielen der „Fragen, die drankommen könnten“, waren einmal Teil unserer Überlebensstrategie und prägen uns bis heute.
Was kann also helfen? Ein paar Hinweise aus der Coaching-Praxis und wiss. Literatur, einfach ausgedrückt:

 

  • Der oben beschriebenen „Mechanik der Unsicherheit“ auf die Spur kommen – in jeder Situation, in der sie bei uns auftaucht.
  • Nach Mustern suchen. Die gibt es fast immer. Unsere Ängste sind selten völlig zufällig. Sie folgen unseren Erfahrungen (oft aus der Kindheit) und haben ihre eigene Logik. Sie zu erkennen hilft, greift aber oft noch nicht in die emotionale Dimension, die muss man anders angehen (dazu schreibe ich einen separaten Blog)
  • Herausfinden, was für einen selbst das Gegenteil von Angst ist. Das ist bei jeder Person etwas anderes, oft aber Dinge wie:
    Neugier (worauf bei dir?), Leidenschaft (für was?), Lust (auf was?), Stolz (auf was?) …
  • Ihr merkt es schon: Angst ist zukunftsgerichtet (auch wenn sie oft in der Vergangenheit wurzelt), während Neugier, Lust und Leidenschaft gegenwartsbezogen sind. Diese Zeitdimension ist entscheidend.
    Natürlich kann und soll man positiv in die Zukunft schauen, doch diese Fähigkeit entsteht nur, wenn wir sie aus der Gegenwart heraus entwickeln. Andernfalls greift die Angst mit Blick auf die Zukunft quasi automatisch.
  • Und schließlich: Wir sind keine Automaten sondern unvorhersehbare, lernfähige Wesen. Darin steckt unglaublich viel Potenzial (auch so ein schönes, zukunftsgerichtetes Wort). Ich sehe das, wenn ich junge Menschen coache, aber auch, wenn ich Menschen begleite, die gerade an einer „Kreuzung“ in ihrem Leben stehen und plötzlich etwas entdecken, das mit ihnen resoniert. Dann ist die Angst wie verflogen…

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